„Über wen reden die eigentlich?“ Was von einem besonderen Tag bleibt …

Zwei Wochen sind inzwischen vergangen. Zeit genug, dass sich manches ein bisschen gesetzt hat. Und noch immer denke ich unentwegt an die vielen Begegnungen, Worte, Bilder und Momente dieses Tages. Die „Medaille für vorbildliche Dienste um den Nächsten“, die mir der Gifhorner Landrat Philipp Raulfs im Namen des Ministerpräsidenten Olaf Lies überreicht hat, liegt jetzt bei mir (nebst „Bedienungsanleitung“ – denn richtiges Medaillentragen will gelernt sein!). Das allein ist natürlich etwas Besonderes. Aber wenn ich mich frage, was von diesem Tag vor allem geblieben ist, dann ist es gar nicht die Medaille selbst.

Cassandra und ich hatten im Vorfeld viel Herzblut in diesen Tag gesteckt. Irgendwann hatte ich das Gefühl: Mehr können wir jetzt nicht tun. Alles ist vorbereitet, der Rahmen steht und nun darf’s einfach passieren. Vermutlich war ich deshalb erstaunlich entspannt. Freudig erregt trifft es wahrscheinlich besser.

Schon im Vorfeld hatte mich berührt, wie viele Menschen teilweise weite Wege aus ganz Deutschland auf sich nahmen, um dabei zu sein. Ich hatte mir bewusst eine bunte Mischung gewünscht: Familie und enge Freunde, Menschen, die mich seit Jahrzehnten kennen, Wegbegleiter der vergangenen Jahre, berufliche Kontakte und Menschen, mit denen aus gemeinsamen Projekten längst viel mehr entstanden ist. Manche kennen mich seit 57 Jahren, andere seit 30, fünf oder vielleicht gerade einmal einem Jahr. Das ist die Mischung, die ich wollte. Sie hat funktioniert!

Ich möchte hier gar nicht alle Reden und Ansprachen nacherzählen. Einiges davon ist in meinem Film zu sehen! Was mich ganz besonders berührte: Es waren nicht einfach freundliche Worte, weil man bei einer Ehrung nun mal etwas Nettes über den Geehrten sagt. Es wurden gemeinsame Erlebnisse hervorgeholt, Erinnerungen erzählt, sehr persönliche und teilweise intime Gedanken ausgesprochen. Immer wieder ging es darum, wie Menschen das wahrgenommen haben, was ich in den vergangenen Jahren versucht und gelebt habe: anderen Mut zu machen, Optimismus auszustrahlen und damit immer auch zu zeigen, dass selbst in einer ziemlich beschissenen Situation noch verdammt viel Leben stecken kann. Dass das offenbar tatsächlich angekommen ist, war für mich das schönste Geschenk dieses Tages.

Bei dieser geballten Ladung an Laudatio, die da auf mich einprasselte – oder besser: auf mich niederrieselte –, dachte ich zwischendurch tatsächlich: Über wen reden die eigentlich? Es war ein eigenartiges Gefühl. Ich war der Mittelpunkt dieses Tages und fühlte mich gleichzeitig zeitweise wie ein außenstehender Beobachter. Ein Beobachter allerdings mit ziemlich guter Laune. Mit Stolz auch, natürlich. Vor allem aber mit sehr viel Liebe und Freude habe ich diesem ganzen Treiben zugesehen und zugehört.

Mehrere Gäste haben mir später gesagt, sie hätten selten eine Veranstaltung mit so positiven Schwingungen erlebt. Oder neudeutsch: so guten Vibes. Normalerweise bin ich mit solchen Beschreibungen etwas vorsichtig. Aber an diesem Tag habe ich es selbst so empfunden. Trotz all der unterschiedlichen Lebensgeschichten, Erfahrungen und Verbindungen zu mir entstand für einige Stunden eine sehr besondere gemeinsame Energie.

Mein Bruder Tobi und seine Tochter, mein Patenkind Pauline, eröffneten den offiziellen Teil mit „Der Schwan“ von Camille Saint-Saëns. Torge Bollert hat uns durch den Tag begleitet – wie immer charmant, professionell und mit einem sehr guten Gefühl dafür, was gerade passte. Später saßen wir noch rund anderthalb Stunden in gemütlicher musikalischer Runde zusammen. Ganz am Ende intonierte Torge Hermann Hesses „Stufen“ – ein Gedicht, das nicht zufällig auch in meinem Buch seinen Platz gefunden hat. Runder hätte es für mich kaum sein können.

Natürlich gab es auch an diesem Tag wieder diese Ambivalenz, die mein Leben inzwischen voll begleitet. Da ist auf der einen Seite das Fest. Menschen kommen von weit her. Ich stehe im Mittelpunkt, bekomme eine Medaille überreicht, höre Laudationes, gebe Interviews, werde fotografiert. Ein bisschen Glimmer gehört inzwischen tatsächlich zu meinem Leben.

Und dann gibt es die andere Seite: meinen Alltag, meine ALS, den körperlichen Verfall, der einfach weitergeht. Verrückt ist, dass ich diese Diskrepanz mag – ja, sogar und gerade das Paradoxe daran. Natürlich würde ich mir den körperlichen Abbau nicht aussuchen. Aber diese extreme Gleichzeitigkeit empfinde ich inzwischen fast als Sinnbild für das Leben. Es ist eben nicht entweder schön oder schwer, Freude oder Trauer, Feiern oder Krankheit. Meistens ist alles irgendwie parallel da. Bei mir eben in einer sehr extremen Form.

Diese besondere Situation lässt mich manches anders wahrnehmen und beobachten als Menschen, die nicht in einer solchen Lage sind. Nicht, dass ich irgendwem diese Krankheit wünschen würde! Aber wenn sie nun mal Teil meines Lebens ist, sollte ich versuchen, etwas aus dieser extremen Perspektive zu machen: für mich selbst und letztlich auch für andere. Erkenntnisse teilen, Beobachtungen weitergeben, Erfahrungen nutzbar machen. Hieraus entsteht meine Dankbarkeit.

Zu dieser Wahrheit gehört auch etwas, das man auf den schönen Bildern eines solchen Tages weniger sieht: Eine Person der Öffentlichkeit ist nicht einfach nur Gast auf ihrem eigenen Fest. Denn rund um diese Ehrung gab es allerhand Arbeit für mich – Medienarbeit. Vorher, währenddessen und danach. Kontakte, Absprachen, Interviews, Anfragen beantworten, Informationen und Bilder weitergeben und verarbeiten. Während andere vielleicht irgendwann einfach den Tag genießen, läuft bei mir gleichzeitig im Kopf mit, was davon nach außen gehen kann und soll. Sinnbildlich dafür steht, dass ich unmittelbar vor Beginn meiner Ehrung noch ein 20-minütiges NDR-Radiointerview führen musste – nein: durfte! Es ist in meinem Film zu hören (dazu hier auch ein Online-Beitrag).

Das klingt vielleicht anstrengender, als ich es in Wirklichkeit empfinde. Denn diese Öffentlichkeit habe ich schließlich auch selbst gewählt. Sie ermöglicht mir, Themen und Gedanken weiterzugeben, die mir wichtig sind, und mich zu einem Botschafter machen. Aber sie entsteht eben nicht von allein. Hinter einem Radiointerview, einem Zeitungsartikel, einem Post oder einem Video steckt meistens ziemlich viel unsichtbare Arbeit.

Und auch mit etwas Abstand beschäftigt mich dieser Tag noch. Ich gehe durch Bilder und Aufnahmen, sortiere, schneide und entdecke manches noch einmal neu. Daraus entstand besagter Film mit einer Länge von 45 Minuten. Vielleicht schauen ihn keine tausend Menschen. Aber diejenigen, die dabei waren, tun es bestimmt irgendwann einmal. Freunde, unsere Familie, Menschen, denen dieser Tag etwas bedeutet. Dann wäre schon ganz viel erreicht.

Und eines möchte ich bei all diesen vielen Gedanken nicht vergessen: Danke zu sagen an alle, die diesen Tag möglich gemacht und mit Leben gefüllt haben. An diejenigen, die mit ihren Anträgen überhaupt den Anstoß für diese Ehrung gaben. An alle, die gesprochen oder Musik gemacht haben. Und genauso an diejenigen, die einfach da waren – als Gäste, Freunde und Wegbegleiter, mit ein paar persönlichen Worten, einem Lächeln oder einer Umarmung. Jeder und jede hat auf seine Weise etwas zu diesem wunderbaren Tag beigetragen.

Ich empfinde diese Ehrung nicht als Lohn dafür, dass ich besonders hart gearbeitet oder etwas „geleistet“ hätte und deshalb nun eine Medaille verdient hätte. Für mich hat sie vielmehr mit einer Veränderung zu tun, die in den vergangenen Jahren in meinem Leben stattgefunden hat: Dinge anders zu betrachten, mit mehr Liebe, Gelassenheit und Leichtigkeit. Weniger zu erwarten und vielleicht auch weniger erzwingen zu wollen. Ich erlebe erstaunlich oft, dass gerade dann mehr zurückkommt.

Vieles hat sich in meinem Leben in den vergangenen Jahren gefügt, ohne dass ich es strategisch geplant hätte: Aus Begegnungen sind Freundschaften geworden, aus Gedanken Projekte und aus Öffentlichkeit neue Begegnungen. Aus dem Versuch, mit meiner eigenen Situation umzugehen, ist etwas entstanden, das auch anderen Menschen einiges bedeutet: Vertrauen ins Leben, und damit Vertrauen in die Zukunft.

Das klingt bei jemandem mit meiner medizinischen Prognose zunächst einmal einigermaßen paradox. Oder sogar ziemlich logisch. So ist das Leben.

Euer Philipp
#ALSohappy!

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