Wer mich schon öfter aus meinem Leben hat erzählen hören, weiß wahrscheinlich, wie oft ich bei diesem Satz lande: »Wenn mir das damals jemand erzählt hätte …« Darin drückt sich die ganze eigene Verblüffung über mein Schicksal aus. Hätte ich als Zahnarzt jemals geglaubt, dass ich eines Tages auf einem bekannten Talksofa im Fernsehen sitze, auf der Leipziger Buchmesse im Programm stehe oder eine Stiftung auf einer Fußballgala vertrete? Schon als ich noch gesund war, konnte ich mir all das kaum vorstellen, kurz nach meiner ALS-Diagnose erst recht nicht. Dass ich heute so gern lebe, war für mich damals am schwersten vorstellbar.
Am 30. Oktober saß ich wieder auf einer Bühne, diesmal im Schauplatz Langenfeld im Rheinland, wo die Hospizbewegung St. Martin zum Impulsabend »Assistierter Suizid – Zwischen Freiheit, Fürsorge und Verantwortung« eingeladen hatte. Die Veranstaltung war seit Wochen ausverkauft, alle 500 Plätze des Theaters besetzt (es wären laut Organisatoren auch locker 1000 Tickets weggegangen). Sehr sensibel und empathisch führte Brigitte Büscher durch den Abend, die viele noch aus »Hart aber fair« kennen. Mit mir auf dem Podium saßen Matthias Herrmann, Palliativmediziner in der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung, Jean-Pierre Wils, Philosoph und Buchautor, und Martin Goßmann, Präsident des Vereins Sterbehilfe. Einen eigenen Impulsvortrag hielt Daniel Matuschek, Keynote-Speaker und Coach.
Was hatte ich zum Thema beizutragen? Zunächst eine eher düstere Perspektive. In der Rückschau! Die Diagnose ALS vor neun Jahren war erst mal der pure Schock. Für mich und für die Menschen um mich herum. Damals machten sich Trauer, Wut und Verzweiflung breit. Bei der Vorstellung, ich könnte mich eines Tages weder allein waschen noch ohne Hilfe essen, war ich mir ziemlich sicher, was ich dazu sagen würde: So möchte ich nicht leben. Und wie ist es gekommen? Heute brauche ich bei fast allem Hilfe. Und dann sitze ich in Langenfeld zum Thema »Assistierter Suizid« auf der Bühne und freue mich, dass ich selbst aus meinem Leben erzählen kann und mir so viele Menschen zuhören. Hätte mir das damals jemand erzählt, …!
Ich ließ die Zuhörenden daran teilhaben, wie ich irgendwann nach der Diagnose angefangen habe, mehr darauf zu schauen, was noch geht. Wie ich bei all der »ungewollten Entschleunigung« plötzlich Lust verspürte, auch mal Seiten an mir zu entdecken, die ich früher eher vernachlässigt hatte. Ein gutes Gespräch zum Beispiel wäre im alten Alltagsstress vielleicht eines von vielen gewesen, die an mir vorbeirauschten. Heute kann es mir den ganzen Tag schön machen. Damals, als ich mir ausmalte, wie mein Leben mit ALS aussehen würde, kamen solche Tage in meiner Vorstellung gar nicht vor.
Und wie ist es mit dem Sterben? Die Frage, wie ich einmal von dieser Erde gehen möchte, hat mich seit der Diagnose immer wieder beschäftigt. In Langenfeld habe ich erzählt, dass es mich beruhigt, um die Möglichkeit eines assistierten Suizids zu wissen, auch wenn ich mir heute kaum vorstellen kann, sie in Anspruch zu nehmen. Wobei ich mir damals ja auch kaum vorstellen konnte, einmal so zu leben, wie ich heute lebe. Ich war mir sogar ziemlich sicher, dass ich es nicht wollen würde. Und jetzt soll ich sogar wissen, wie ich einmal sterben möchte? Nein, das muss ich nicht. Für mich reicht es erst mal, zu wissen, dass es diese Möglichkeit gibt.
Wir haben an diesem Abend zum Teil kontrovers diskutiert. Was mich dabei beeindruckt hat, war der Umgang miteinander, auf der Bühne und im Publikum, in dem ja viele ihre eigenen Geschichten mitbrachten, ihre Erfahrungen mit dem Tod und mit der Trauer. Bei all den unterschiedlichen Ansichten habe ich viel Verständnis füreinander wahrgenommen.
Ich wünsche mir mehr solcher Abende. Ich bin schon mit dem Gedanken nach Langenfeld gefahren, dass es bei diesem Thema kein allgemeines Richtig oder Falsch gibt, und die Veranstaltung hat mich darin bestärkt. Es kommt sehr darauf an, was jemand erlebt hat. Und manchmal ändert sich die eigene Meinung noch einmal. Bei mir jedenfalls ist das so gewesen.
Vielen Dank an alle, die diesen Abend möglich gemacht, mitdiskutiert und zugehört haben. Ich war sehr gern dabei!

Übrigens habe ich aus verschiedenen Mitschnitten der Veranstaltung ein paar Videos gemacht. Die längeren Fassungen findet Ihr auf meinem YouTube-Kanal oder gleich hier unter meinem Beitrag. Ich danke Lea für die filmischen und fotografischen Aufnahmen.



